Montag, Juni 17, 2019

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Philipp Oser wird in Ungarn zum Weinflüsterer

Philipp Oser mit seiner Frau Adriana. Philipp Oser mit seiner Frau Adriana. Foto: OC Media

Vor 16 Jahren haben Philipp und Adriana Oser ihre ersten Reben im ungarischen Gyulakeszi in der Nähe des Plattensees erworben. Das Paar bewirtschaftet das Weingut mit klaren Vorstellungen. Was als Hobby begann, ist seit knapp drei Jahren zur einer Vollzeitherausforderung herangewachsen. Seit dem Verkauf seines IT-Unternehmens im Jahre 2016, hat sich Philipp Oser zum Vollblut-Winzer entwickelt. In sein Palmares passt es auch, dass er von 2010 bis 2013 das Gourmetlokal «Viva» in Oberwil betrieb, welches bald nach seiner Eröffnung einen Michelin-Stern und 16 Gault-Millau-Punkte erhielt. Der «Vogel Gryff» hat mit ihm gesprochen.

Vogel Gryff: Philipp Oser, wie haben Sie es geschafft gleichzeitig Ihr IT-Unternehmen, das Restaurant «Viva» und das Weingut in Ungarn unter einen Hut zu bringen?
Philipp Oser: Nun, das passierte ja nicht unbedingt gleichzeitig....

Von 2010 bis 2013 aber schon...
Ja schon. Aber das war gar nicht so stressig wie es tönt. Meine Frau Adriana und ich waren immer begeistert von der hochstehenden Gastronomie, insbesondere das Produkt Wein hat es uns angetan. Das Weingut ist ein Projekt, welches wir unserer Freizeit vorangetrieben haben. Das heisst im Umkehrschluss, dass wir unsere Ferien, aber auch alle Weekends sowie die ganze Erntezeit ausschliesslich in Ungarn verbracht haben. Im IT-Bereich ist es zudem möglich «out of home» zu arbeiten. Und last but not least muss man sich glücklich schätzen, hervorragende Mitarbeiter zu haben, die für Entlastung sorgen.

Dennoch, das Restaurant «VIVA» beanspruchte Sie doch auch in einem grossen Masse?
Ja, das ist korrekt. Und wer mich kennt, der weiss, dass ich klare Vorstellungen habe, wie ein Betrieb zu führen ist. Der Entscheid das Restaurant zu schliessen basierte unter anderem auch auf dem Entscheid, das Weingut in Ungarn noch intensiver zu bewirtschaften. Es war klar, dass wir den Mittelpunkt unseres Schaffens nach Gyulakeszi in Ungarn verlegen.

Aber warum gerade Ungarn und ungarische Weine?
Warum Ungarn, das hat drei Gründe. Erstens, meine Frau Adriana ist Ungarin, und zweitens haben wir uns in die Gegend des vulkanischen Nordufers es Balatons verliebt. Drittens – versuchen Sie einmal 20 – 30 Hektaren sehr gutes Weinland in der Schweiz oder sonst in Europa zu kaufen. Das ist unbezahlbar. Und zum Wein: kein Mensch kennt ungarische Weine, genauso wie slowenische oder rumänische. Die Weinmacher in Ungarn waren bis zur Wende Ende der 80iger Jahre vor allem Weinlieferanten für die damalige Sowjetunion. Da stand weniger die Qualität des Produktes, aber mehr Menge im Vordergrund. Also hatten wir den persönlichen Antrieb, dass diese «neuen» pannonischen  Weine im Ausland Anerkennung erlangen. Denn der Boden hier ist ideal, ja sogar fantastisch (siehe Vogel Gryff aktuelle Ausgabe).

Herr Oser, Sie haben nach verschiedenen Ausbildungen ein erfolgreiches, internationales Unternehmen geführt und sich danach– und dies mit höchstem Respekt – autodidaktisch als Winzer selbst ausgebildet. Was hat Sie dazu motoviert Winzer zu sein?
Für mich war es der Reiz, dass man etwas erschaffen kann, dass man anfassen, konsumieren und darüber diskutieren kann. Schauen Sie den Zyklus des Weines an: Anfang Jahr haben Sie einen Rebstock ohne Blätter und im Oktober oder November, lagert man die Jahresarbeit, nämlich die Weine im Keller. Mit jeder Flasche Wein erzählt man die Geschichte der Gegend, die Geschichte der Bodenbeschaffenheiten und des Klimas. Eigentlich sehe ich mich mehr als begleitender Umstand des Prozesses von der Traube zum Wein anstatt Winzer.

Gab es zu Beginn keine Skepsis seitens der gestandenen Winzer?
Am Anfang war es Skepsis und mit unseren Erfolgen wurde es oft Neid. Wir haben grundlegend alles anders gemacht als die hiesigen Winzer. Den Prozess der Verbesserung haben wir seit 2005 kontinuierlich weiterentwickelt. Das Resultat findet man nun in unseren Weinen, die u.a. – nehmen wir die Stadt Basel – in den Häusern Les Trois Rois und im Stucki auf der Weinkarte stehen.

Sie haben es also geschafft, ungarische Weine wieder salonfähig zu machen und exportieren die Weine. Wie hoch ist dabei der Anteil?
Der Exportanteil beträgt mittlerweile schon über 30% der Produktion.

Sie haben alles richtig gemacht?
Ja, ich denke schon. Aber wir wissen, dass es nicht selbstverständlich ist, einen Lebenstraum dieser Art zu verwirklichen. Dazu brauchte es vor allem auch das Glück, Menschen um sich zu haben, die diesen Traum mittragen. Ich spreche vor allem von meiner Frau Adriana und von den vielen Mitarbeitern hier, insbesondere mein Gutsverwalter und mittlerweile auch Partner Laszlo Nagy.

Danke für das Interview, Philipp Oser, und weiterhin viel Glück und Zufriedenheit bei Ihrer Arbeit in Gyulakeszi.

Vom 4. bis 8. September organisiert der «Vogel Gryff» eine wunderschöne Leserreise nach Budapest und zum Weingut «Villa Tonlay». Mehr Infos unter www.vogelgryff.ch/images/Archiv/2019/190904-08_Ungarn.pdf

 

Letzte Änderung am Donnerstag, 23 Mai 2019 07:05

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